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Rumänien-Blog


Zurück in Zeit und Raum: Von Venedig nach Bukarest

Der Blogbeitrag Oktober führte zu zeitgenössischen Themen der Architektur nach Venedig. Vom rumänischen Pavillon der Internationalen Architekturbiennale 2021, die sich der Fragestellung „How will we live together?“ widmete, geht es zurück ins Bukarest der Nachkriegszeit, wo die Frage des Zusammenlebens akute Brisanz entwickelte. 



Mit Away stellte Rumänien auf der aktuellen Architekturbiennale ein Projekt über die rumänische Diaspora in Europa vor. In der Hauptstadt Bukarest (rumänisch: București) sind die Bevölkerungszahlen ebenso rückläufig, wenn auch weniger stark als in ländlichen Regionen. Bis zum Beginn der 1990er Jahre war das anders. Die Einwohnerzahl stieg kontinuierlich an. In den vier Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Verdoppelung, die Fläche der Stadt verdreifachte sich. Die Kapitale war lange ein vielversprechender Anziehungspunkt für Arbeitssuchende. Vor allem Bauern zogen in die Stadt, um in den großen Industriebetrieben Arbeit zu suchen und fanden diese auch. So wurde insbesondere die Peripherie zu einer gigantischen Baustelle. Aufgrund der starken Nachfrage nach Wohnraum startete die kommunistische Staatsführung ein umfassendes Wohnungsbauprogramm. Auf Basis des Nationalisierungsgesetzes vom 11. Juni 1948 (rumänisch: Legea naționalizării din 11. Iunie 1948) waren alle Bodenschätze, Industrie-, Gewerbe- und Handelsunternehmen einschließlich Banken, Versicherern, Transportwesen und Telekommunikation verstaatlicht worden. Ziel war die Einleitung der sozialistischen Planwirtschaft in der am 30. Dezember 1947 ausgerufenen Rumänischen Volksrepublik. Das bislang landwirtschaftlich geprägte Land sollte zu einem Industriestaat mit Konzentration auf die Schwerindustrie transformiert werden. 1955 war Rumänien dem Warschauer Pakt beigetreten, zehn Jahre später begann die Ära des Autokraten Nicolae Ceaușescu, die erst mit der Revolution 1989 endete. Zwar führte die planwirtschaftliche Entwicklung in dieser Zeit zu einem Rückgang des Handelsvolumens und zur Stagnation der industriellen Entwicklung, war aber dennoch für einen so starken Zustrom nach Bukarest verantwortlich, dass dort ganze Stadtteile neu errichtet werden mussten, um zugezogene Arbeiter unterbringen zu können. Parallel dazu wurden in der Peripherie zunehmend Fabriken und Konzerne gebaut. Zunächst spielten sich die Bautätigkeiten an den Rändern der Stadt, mehr um sie herum ab. Man baute an Ringstraßen und Verkehrsachsen. Im Zentrum war die Architektur des Paris des Ostens, des Micul Paris (deutsch: Kleines Paris) zunächst unberührt geblieben. Starke architektonische Gegensätze bestimmten das Stadtbild in seiner Gesamtheit, koexistierten als Parallelwelten nebeneinander. Nicolae Ceauşescus Ambitionen, seine Vorstellungen von Stadtplanung und Architektur auch im Stadtkern umzusetzen, kam 1977 ein Erdbeben entgegen. Er nutzte die Erschütterung und teilweise Zerstörung der Bausubstanz, um die historische gründerzeitliche Stadtstruktur für nicht restaurierbar, die Gebäude für endgültig unbewohnbar zu erklären. So bliebe nur der großflächige Abriss, was einen tiefgreifenden baupolitischen Einschnitt und einen radikalen Umbau der gesamten Innenstadt bedeutete. Wie anderen Autokraten ging es ihm um die Manifestation seiner Macht in Form einer mehr als monumentalen Architektur. Ein unübersehbares Ergebnis seiner Machtphantasien ist der Parlamentspalast (rumänisch: Palatul Parlamentului) im Zentrum der Stadt.

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