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Rumänien-Blog


Wiege der Revolution: Widerstand aus dem Banat

Ausgangspunkt von Protesten gegen die Staatsgewalt war das Banat im Verlauf der jüngeren Geschichte immer wieder. Auch die Rumänische Revolution von 1989 nahm ihren Anfang mit dem Volksaufstand in Temeswar (rumänisch: Timișoara), der historischen Hauptstadt der Region. Doch schon in den Jahrzehnten zuvor kam es mehrfach zu Aufständen und Widerstandsbewegungen, die sich in den 1950er und 1970er Jahren in erster Linie aus studentischen Kreisen formierten.

Studenten der Polytechnischen Universität Timișoara, der Medizinischen und Pharmazeutischen Universität sowie der Landwirtschaftlichen und Veterinären Universität versammelten sich am 30. Oktober 1956, um politische Forderungen an die staatlichen Machthaber zu formulieren. Nur wenige Tage zuvor hatten Maschinenbaustudenten davon erfahren, dass ihre Dozenten angewiesen worden waren, „potenzielle Unruhestifter“ unter ihnen zu identifizieren und vor allem zu denunzieren. Presse- und Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Anhebung der Löhne, Abzug der sowjetischen Truppen und eine gerechte Wirtschaftspolitik waren einige ihrer schriftlich fixierten Forderungen. Am nächsten Tag ging man dafür auf die Straße. Der studentische Aufstand wurde jedoch vom rumänischen Geheimdienst Securitate beendet, was tags darauf in der Verhaftung von etwa 2000 Studenten gipfelte. Der Großteil dieser unterschrieb zwangsweise eine Erklärung, sich von der Bewegung loszusagen. Besonders perfide war es, dass mit der Unterschrift auch die Forderung nach Bestrafung der Organisatoren geleistet war. Diese wiederum wurden zu langjährigen Haftstrafen und Zwangsarbeit verurteilt. Zwar war die Protestbewegung damit vordergründig niedergeschlagen, sie wirkte jedoch nach. Die Studentenvereinigung erstarkte, Russischunterricht wurde zum Wahlfach und auch die materielle Lage der Bevölkerung verbesserte sich in den Folgejahren. 1958 kam es schließlich zum Abzug der russischen Truppen.

Anfang der 1970er formierte sich intellektueller Protest aus der Studentenschaft. Diesmal waren es Germanistikstudenten, die mit der Aktionsgruppe Banat eine zunächst literarische Gruppe gründeten. Sie setzten sich kritisch mit der politischen Realität und Reformgedanken auseinander. Da ein Großteil ihrer Mitglieder aus der deutschen Minderheit kam, war auch die Tradition der Banater Schwaben ein Thema. Obwohl die Gruppe in erster Linie schrieb, diskutierte und Lesungen veranstaltete, wurden ihre Mitglieder vom Geheimdienst Securitate verfolgt und einige von ihnen verhaftet. Absurd waren der Vorwurf des „Überschreitens der Grenzen der Dichtkunst“ oder der Vergleich mit der deutschen Baader-Meinhof-Gruppe. 1975 wurde die Aktionsgruppe vom Staat aufgelöst.

Doch auch aus der Arbeiterschaft gab es Widerstand. So gründeten 1979 etwa 20 Arbeiter aus dem Kreis der Banater Schwaben die Temeswarer Filiale der freien Gewerkschaft Rumäniens SLOMR (rumänisch: Sindicatul Liber al Oamenilor Muncii din România). Vorbild der Gruppe war die polnische Gewerkschaft Solidarność. Die Organisation wurde jedoch umgehend vom Staat zerschlagen, ihre Initiatoren verhaftet.

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