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Rumänien-Blog


Wappentier und Nationalheld: zwei moldauische Legenden

Über das Wappensymbol des historischen Fürstentums Moldau, den Auerochsen (rumänisch: zimbrul), erzählt eine Legende aus dessen Gründungszeit. Zur Legende in persona wurde der berühmteste der moldauischen Herrscher, Stefan der Große (rumänisch: Ștefan III. cel Mare), welcher noch heute als Nationalheld und Symbolfigur verehrt und instrumentalisiert wird.

Nach der Legende vom Auerochsen wurde das Fürstentum Moldau Mitte des 14. Jahrhunderts von Fürst Dragoș aus der Maramuresch (rumänisch: Maramureș) gegründet. Er habe während einer Jagd einen riesigen Auerochsen bis in einen unbekannten Landstrich weit im Osten verfolgt und seine Hunde auf diesen gehetzt. Dabei sei sein Lieblingshund Molda im Fluss vor Ort ertrunken, weshalb er dem Gewässer den Namen des Hundes gab. Als er vom Pferd stieg, gründete er kurzerhand ein Fürstentum mit dem Kopf des Auerochsen als Wappensymbol. Das Absteigen (rumänisch: descălecarea) vom Pferd wurde somit wörtlich zum Inbegriff der Staatsgründung: Descălecatul Moldovei (die Gründung Moldaus). Die Herrschaft Stefans des Großen ist zwar keine Legende, er regierte das Fürstentum tatsächlich von 1457 bis 1503, er wurde jedoch selbst zu einer gemacht. Über sein reales Wirken in seiner Zeit ist im vorherigen Beitrag zu lesen. Mittlerweile gibt es eine lange Geschichte seiner Vereinnahmung als Symbolfigur. So sind mit seinem Namen zahlreiche Erinnerungsorte wie Kirchen, Klöster und Festungen in der Moldau verknüpft, da er nicht nur als Heerführer (Woiwode), sondern auch als Stifter auftrat. Man assoziierte seine Orte noch Jahrhunderte später mit der Blütezeit des Fürstentums und stilisierte den Fürsten zu einer idealisierten Figur. Als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein unabhängiger rumänischer Staat herausbildete, propagierte man ihn gerne als Symbolfigur der Nationalstaatsidee, da er sein Fürstentum erfolgreich gegen Angriffe von außen verteidigt hatte. Nur waren die Fremden nun nicht mehr die Türken, sondern vor allem die Russen. Eine neue nationale Elite nutzte den Ex-Fürsten zur Glorifizierung der Vergangenheit und präsentierte sich als Bewahrer im Wandel der Zeiten. Erneut umgedeutet wurde die Figur des Woiwoden in den Jahren nach der Unabhängigkeit der Republik Moldau: Er wurde zum Symbol der Bewegung zur Vereinigung von Rumänien und der Moldau, sein Denkmal in der Hauptstadt Chișinău (deutsch: Kischinau) zum zentralen Erinnerungsort für prorumänische Proteste und Demonstrationen. Nach der sowjetischen Herrschaft hatte man sein Standbild zurückversetzt sowie zahlreiche Boulevards und Plätze nach ihm unbenannt. Eine komplett gegenläufige Umdeutung Ștefan cel Mares vollzog Vladimir Voronin, der von 2001 bis 2009 amtierende kommunistische Präsident der Republik Moldau. Mit dem Ziel alle Bevölkerungsgruppen mit einer kollektiven Identität zu versehen, wurde der Fürst zum rein moldauischen Helden erklärt, indem man ihm seine rumänische Bedeutung entzog. Der rumänische Staat sei schließlich erst 350 Jahre nach dessen Tod entstanden. Als Verteidiger der Unabhängigkeit seines Fürstentums sei er vielmehr als ein Vorkämpfer für die Unabhängigkeit der Republik Moldau zu sehen. Zur kollektiven Identitätsstiftung findet sich Stefans Konterfei auf den aktuellen moldauischen Banknoten. Ein Fürst und Woiwode also, der vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart freizügig als multifunktionale Symbolfigur genutzt wird.

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