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Rumänien-Blog


Von Hackerville zur Weltkunst: Târgu Jiu

Etwa 100 km westwärts von Râmnicu Vâlcea alias Hackerville liegt eine weitere Provinzstadt, die jedoch nicht über Cyber-Kriminalität Weltruhm erlangte, sondern durch einen weltberühmten Künstler und als Standort eines seiner herausragendsten Kunstwerke: Constantin Brâncușis Skulpturenensemble in Târgu Jiu (deutsch: Turgukukuli).

Constantin Brâncuși wurde 1876 im Dorf Hobița, nahe Târgu Jiu geboren. Schon als Elfjähriger hatte er genug vom Dorfleben, lief von zu Hause weg und arbeitete für ein paar Monate bei einem Färber in Târgu Jiu. Nach einer Phase weiterer Gelegenheitsjobs studierte er zunächst an der Kunstgewerbeschule in Craiova, später an der Kunstakademie in Bukarest. 1903 machte er sich auf den Weg nach Paris, und zwar zu Fuß. Nach Zwischenaufenthalten in Wien und München erreichte er die französische Hauptstadt im Sommer 1904. Ein Jahr später studierte er an der Pariser École des Beaux-Arts Bildhauerei. Nach dem Studium lernte er Künstler kennen, die ebenso berühmt waren oder es werden sollten wie er selbst: Für Auguste Rodin arbeitete er eine Weile, mit Henri Matisse, Fernand Léger, Marcel Duchamp, Henri Rousseau, Alexander Archipenko und Amedeo Modigliani war er eng befreundet. 1913 hatte Brâncuși seine erste Einzelausstellung in der avantgardistischen Galerie 291 in New York. Im Verlauf der weiteren Jahrzehnte entwickelte sich Brâncuși zu einem der richtungsweisenden Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Er reduzierte seine Sujets auf elementare Grundformen. Sein primäres Sujet war der menschliche Kopf, sein Stil war von afrikanischer und rumänischer Volkskunst beeinflusst. Mit dem Ensemble in Târgu Jiu, erreichte er die Verschmelzung von Architektur und Skulptur – und einen Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. 1937 begann er im Auftrag der Frauenliga des Kreises Gorj mit dem dreiteiligen Kriegerdenkmal. Die Werkteile La Colonne sans fin (Die endlose Säule), La Table du silence (Der Tisch des Schweigens) und La Porte du baiser (Das Tor des Kusses) bilden auf einer Strecke von circa eineinhalb Kilometer eine Achse. Die endlose Säule wurde an der Stelle errichtet, an welcher rumänische Truppen 1916 die deutsche Offensive zurückgedrängt hatten. Ihre rhombenförmigen Elemente sind mit vergoldetem Messing verkleidet. Das Motiv an sich war nicht neu, bereits seit 1917 beschäftigte sich Brâncuși damit. Der Tisch des Schweigens steht in der Nähe des Flusses Jiu, umgeben von zwölf steinernen Rundhockern. Ihm folgt das Tor des Kusses, ebenso aus hellem Travertin gefertigt. Seine Proportionen entsprechen den Maßen des Goldenen Schnitts. Das Kussmotiv wird auf jeder Fläche sechzehnmal, auf jeder Seite des Frieses viermal wiederholt. Auch dieses Motiv taucht in Brâncușis Werk von Beginn an immer wieder auf. In den 1950er Jahren misslang dem damaligen Bürgermeister der Versuch, die Endlose Säule niederzureißen. Angeblich war der Motor des Bulldozers zu schwach. 1996 nahm der internationale World Monuments Fund (WMF) das dreiteilige Ensemble von Târgu Jiu in die Liste der weltweit 100 am meisten gefährdeten Denkmäler auf. Heute bildet La Colonne sans fin das zentrale Element des Stadtwappens. Mit der Endlosen Säule schuf Constantin Brâncuși eine modulare Skulptur aus identischen Rhomben und damit neue Möglichkeiten in der Bildhauerkunst, die es zuvor nicht gegeben hatte. Diese wurden später von den amerikanischen Minimalisten aufgegriffen. Brâncuși hatte sein Dorf verlassen und wurde ein prägender Vertreter der Avantgarde in der Bildenden Kunst.

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