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Rumänien-Blog


Verträge mit Folgen: Umsiedlungspolitik

Zwei Verträge prägten die jüngere Geschichte der Dobrudscha: Mit dem Berliner Vertrag von 1878 wurde die Zugehörigkeit des nördlichen Teils zu Rumänien fixiert. Nachdem man 1913 für eine ganze Weile auch den südlichen Teil der Region annektiert hatte, markierte der Vertrag von Craiova (rumänisch: Tratatul de la Craiova) einen Return in den territorialen Verhältnissen.

Die rumänische Stadt Craiova liegt in der historischen Region Kleine Walachei (rumänisch: Oltenia) und war am 7. September 1940 Unterzeichnungsort des nach ihr bezeichneten Vertrages. Die Vertragspartner – das Zarenreich Bulgarien und das Königreich Rumänien – vereinbarten die Rückgabe der 27 Jahre zuvor annektierten südlichen Dobrudscha (Dobrogea de Sud). Dieser Vorgang zog für die jeweiligen Bewohner Konsequenzen nach sich, welche staatlicherseits euphemistisch als Bevölkerungsaustausch bezeichnet wurden. Im Klartext und in der daraus folgenden Realität bedeutete dies schlicht Zwangsumsiedlung. Menschen wurden verschoben, selbstverständlich ohne gefragt zu werden. So mussten über 100.000 Rumänen ihre Häuser im Süden der Region, aber auch in anderen Teilen Bulgariens, verlassen. Zeitgleich waren etwa 65.000 Bulgaren gezwungen, die Dobrogea de Nord zu verlassen. Betroffen waren zudem die Dobrudschadeutschen, die seit etwa 100 Jahren vor allem im nördlichen Teil siedelten. Zusammen mit dem Vereinigten Königreich, der Sowjetunion, Italien, den Vereinigten Staaten und Frankreich hatte das nationalsozialistische Deutschland den Vertrag genehmigt. Letzteres rief die Parole „Heim ins Reich“ aus, etwa 14.000 Dobrudschadeutsche folgten. Deren Umsiedlung erfolgte hauptsächlich auf dem Wasserweg über den Donau-Hafen Cernavodă. Auf Ausflugsdampfern ging es Richtung Deutschland. Wie im Blogbeitrag vom April 2019 beschrieben, fand man in der Kleinstadt Cernavodă einige berühmte Kunstwerke der europäischen Frühgeschichte: Terrakotten der Hamangia-Kultur aus dem 6. und 5. Jahrtausend vor (!) Christus. An der Donau liegt die Stadt, deren Name schwarzes Wasser bedeutet, noch immer, seit 1984 zudem am Beginn des Donau-Schwarzmeer-Kanals (rumänisch: Canalul Dunăre-Marea Neagră). Die künstliche Wasserstraße, die auch als Cernavodă-Kanal oder Cernavodă-Constanța-Kanal bezeichnet wird, verkürzt den Weg der Donau zum Meer je nach Strecke um 370 bzw. 450 km. Die Geschichte des Kanals ist lang. Schon 1837 gab es erste Pläne zum Bau, die aber zunächst durch die neu erbaute Eisenbahnverbindung verdrängt wurden. 1927 wurden diese wieder aufgegriffen. Während der Bauarbeiten, die 1949 begannen, kamen dort zahlreiche deutschstämmige und politische Häftlinge als Zwangsarbeiter zum Einsatz, die keinerlei Lohn erhielten. Ab 1953 pausierten die Bauarbeiten für über zwanzig Jahre. Von 1975 bis 1984 stellte man den Kanal schließlich fertig, die nördliche Abzweigung wurde in den folgenden drei Jahren gebaut. Im Gegensatz zur Donau, die von allen Anliegerstaaten gemeinsam kontrolliert wird, untersteht der Kanal vollkommen der Souveränität Rumäniens und war somit dem sowjetischen Einfluss entzogen. Nicht zuletzt war und ist der Canalul Dunăre-Marea Neagră auch ein Prestigeobjekt des rumänischen Staates. Heute ist der Donau-Schwarzmeer-Kanal 64,2 km lang, sein Nordarm 26,6 km, und der letzte Streckenabschnitt der Schifffahrtsroute Rotterdam–Constanța, der kürzesten schiffbaren Verbindung zwischen Nordsee und Schwarzem Meer.

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