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Rumänien-Blog


Size matters: der Palatul Parlamentului

Von den Machthabern als Haus des Volkes deklariert, vom Volk selbst Haus des Sieges über das Volk genannt: Der zynischen Bezeichnung ersterer stand die wirklichkeitsnahe seitens der fiktiven Eigner gegenüber. Die Maße des Gebäudes bieten keinerlei Interpretationsspielraum. In seiner Maßlosigkeit gehört der Bukarester Parlamentspalast (rumänisch: Palatul Parlamentului) zu den größten Bauwerken der Welt. 



Size matters lautete Nicolae Ceauşescus Maxime zum Bau seines monumentalen Palastes der Macht. Planung und Umsetzung verantwortete die junge Architektin Anca Petrescu, die den vorausgehenden Architektenwettbewerb gewonnen hatte. Erst einige Jahre zuvor hatte sie Studium an der Universität für Architektur und Stadtplanung Ion Mincu in Bukarest abgeschlossen. Thema ihres Diploms: die Urbanisierung von Stadtbrachen. Auf welchem Weg Brachen für und um das Baugrundstück geschaffen wurden, ist in den Blogbeiträgen November und Dezember 2021 zu lesen. Mit Baubeginn 1983 waren bis zur Fertigstellung 20.000 Arbeiter, darunter zahlreiche Angehörige des Militärs, im Dreischichtbetrieb im Einsatz sowie bis zu 700 Architekten. Um das ohnehin gigantisch große Bauwerk unübersehbar zu platzieren, wurde – im ansonsten flachen Bukarest – der Arsenalhügel als erdbebensicher geltender Standort gewählt. Am 25. Juni 1984 fand die offizielle Grundsteinlegung statt. Mit einer bebauten Fläche von 365.000 m² ist der Palast nach dem Pentagon in den USA das zweitgrößte Verwaltungsgebäude der Welt, die Grundfläche des Gebäudes beträgt 65.000 m². Auch die weiteren Zahlen lassen den architektonischen Größenwahn erahnen: Von gesamt 5.100 Räumen misst der größte Saal 2.200 m². Ceauşescus Geschmack verlangte nach Luxuriösem, auf seinen Befehl durften ausschließlich aus Rumänien stammende Materialien verbaut werden. Darunter 1.000.000 m³ Marmor aus Siebenbürgen, 900.000 m³ Holz (Walnuss, Eiche, Kirsche, Ulme, Platane, Ahorn), 700.000 t Stahl und Bronze für Türen, Fenster und 480 Kronleuchter. Für letztere wurden 3500 t Kristallglas benötigt, aus welchem auch Deckenleuchten und Spiegel hergestellt wurden. 52.000 m² Teppiche wurden verlegt, 200.000 m² gold- und silberbestickte Samt- und Brokatvorhänge aufgehängt. Während das Volk hungerte, ließ der Diktator seine steinerne Machtphantasie errichten. Geschätzte 3,3 Milliarden Dollar kostete der Bau, bis zu 40 Prozent des Sozialprodukts des Landes flossen seiner Errichtung zu. Nahrungsmittel und Strom wurden rationiert, Ceausescu presste dem Land die letzten Ressourcen ab, um den Personenkult um sich selbst architektonisch zu manifestieren. In dieser Rolle gefiel er sich zunehmend nach einem Besuch Nordkoreas und Chinas 1971. Ich brauche etwas Großes, etwas sehr Großes, soll er nach der Rückkehr von dieser Reise gesagt haben. Die Entstehung des Großen verfolgte und kontrollierte er einmal wöchentlich vor Ort. Zur Nutzung seines Palasts kam er nicht mehr: Im Zuge der Rumänischen Revolution 1989 wurde Nicolae Ceauşescu hingerichtet. Für Anca Petrescu, deren Karriere mit dem Bau begann, hatte dies einschneidende Konsequenzen. Die neue Regierung verfügte einen vorläufigen Baustopp. Die folgenden Jahre der Diskussionen, wie mit dem Koloss weiter umzugehen sei, überbrückte Petrescu mit lukrativen Aufträgen aus dem Ausland: Statt Herrschaftsarchitektur plante sie Ferienanlagen für den Club Méditerranée in Florida und auf den Bahamas.

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