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Rumänien-Blog


100 Meilen ostwärts: die Kulturstadt Iași

Zwar etwas weniger als 100 Meilen von Piatra Neamț (deutsch: Kreuzstein an der Bistritz) entfernt, jedoch deutlich ostwärts liegt die Kultur- und Universitätsstadt Iași (deutsch: Jassy, veraltet: Jassenmarkt). Für mache gilt sie als „Wiege der rumänischen Kultur“, für andere als heimliche Kulturhauptstadt. Mit dem zuletzt besuchten Piatra Neamț hat sie ein innovatives kulturelles Potenzial gemeinsam.

Mit rund 300.000 Einwohnern ist Jassy im Nordosten Rumäniens nach Bukarest (rumänisch: București), Klausenburg (Cluj- Napoca) und Temeswar (Timișoara) die viertgrößte Stadt Rumäniens. Letztere wird 2021 Europäische Kulturhauptstadt werden, Künste und Kultur sind auch in Iașis Historie und Gegenwart von starker Präsenz. Im Oktober 2018 fand dort zum sechsten Mal das Internationale Festival für Literatur und literarische Übersetzung FILIT (Festivalul Internațional de Literatură și Traducere Iași) statt, das innerhalb kürzester Zeit internationales Renommee erlangte. Schon nach dessen Premiere beschrieb die spanische El País das FILIT als das wichtigste Literaturfestival Osteuropas, ein Jahr später konstatierte die FAZ, in Rumänien habe es noch nie ein Literaturfestival von solchem Niveau gegeben. Gegründet wurde das Festival von einer Gruppe befreundeter Autoren – aus Protest gegen den korrupten Kulturbetrieb der Hauptstadt Bukarest. Inzwischen wurde aus der anspruchsvollen Initiative ein Format, das Nobelpreisträger und internationale Literaturstars – wie 2018 Jonathan Franzen – anzieht. Wie in Piatra Neamț, wo Regisseurin und Dramatikerin Gianina Cărbunariu im Theater der Jugend (rumänisch: Teatrul Tineretului) mit ambitionierten Produktionen internationales Aufsehen erregt, zeigt sich in Iași, dass sich innovatives Engagement auch in abgelegenen Regionen Europas zu Projekten auf hohem Niveau manifestieren kann. Entgegen aller Klischees. Eine weitere Parallele zum Theaterfestival in Piatra Neamț ist die starke Einbindung der Bewohner vor Ort, vor allem der jungen. So werden bereits in der Vorbereitungsphase junge Menschen einbezogen, die später als Begleiter der Eingeladenen unterwegs sind. Der reale Kontakt und gedankliche Austausch mit den Autoren führt(e) bei vielen zu echtem Interesse an Literatur. Eine Besonderheit des Festivals ist zudem der Fokus auf die Vernetzung von Übersetzern, deren Bedeutung auf Literaturfestivals meist vernachlässigt wird. Die Festivalmacher sehen hier einen Weg, rumänische Literatur auf internationalen Märkten zu platzieren. Sowohl das Theaterfestival in Piatra Neamț als auch das FILIT in Iași sind wunderbare Beispiele dafür, dass progressive Kultur per se keine elitäre Angelegenheit ist. Zu den zeitgenössischen Festivals in Jassy gehört ebenso das Festivalul Internațional deTeatru pentru Publicul Tanar, kurz FITPTI. Wieder steht ein junges Publikum im Fokus, das Festival ist dezidiert an dieses gerichtet. Im Oktober 2018 fand es zum 11. Mal statt. Basisstation ist das Kinder- und Jugendtheater Luceafãrul, Schauplätze und Formate gehen weit darüber hinaus. Die Akteure kommen aus zahlreichen Ländern von verschiedenen Kontinenten, gespielt wird im Nationaltheater, in Fußgängerzonen und Kaufhäusern. Menschen, die in Theatern nicht anzutreffen sind, werden erreicht. In seinen Formaten ist das Festival ebenso progressiv: Partizipationstheater, Leseaufführungen, Straßentheater und Performancekunst vom Nationalen Museum für Gegenwartskunst in Bukarest. Avantgarde in „geografischer Randlage“.

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