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Rumänien-Blog


Freundschaft und Revolution: Giurgiu und Bolintin-Vale

Zu den neun Kreisen, die allesamt komplett in der historischen Region Muntenien liegen, gehört der Kreis Giurgiu an der Grenze zu Bulgarien. Hauptstadt des Kreises ist das gleichnamige Giurgiu, welches auf Deutsch früher Zurz genannt wurde. Die Stadt liegt nicht nur nah am südlichen Nachbarland, sondern pflegt zu diesem auch eine architektonisch manifestierte Freundschaft.



Städtepartnerschaften mit Orten in der Ferne sind nichts Außergewöhnliches, sondern eher üblich. So auch für Giurgiu. Hinzu kommt dort jedoch eine Partnerschaft, die mehr über den Gartenzaun gepflegt wird. Der Gartenzaun ist in diesem Fall der Grenzfluss Donau (rumänisch: Dunărea), an dessen Südufer die bulgarische Stadt Russe liegt. Über die Giurgiu-Russe-Freundschaftsbrücke oder Brücke der Freundschaft (rumänisch: Podul prieteniei) sind die beiden verbunden. Die Errichtung der Straßen- und Eisenbahnbrücke fand von 1952 bis 1954 statt, das Projekt wurde bereits 1948 auf einer rumänischen Briefmarke (Wert 31 Lei) visualisiert: Ein Rumäne und ein Bulgare reichen sich die Hand, hinter ihnen: die Brücke. Die konkreten Planungen der Stahl-Fachwerkbrücke übernahm dann der bulgarisch-deutsche Architekt Georgi Owtscharow. Er hatte ab 1911 an der Technischen Universität München Architektur studiert, die Fertigstellung seiner Brücke erlebte er leider nicht mehr. Der Bau wurde durch sowjetische Hilfe unterstützt, auch der Name Freundschaftsbrücke basiert auf sowjetischen Vorschlägen. Die künstlerische Gestaltung der Brückenportale auf bulgarischer und rumänischer Seite nahm der ukrainische Bildhauer Michailo Iwanowitsch Paraschtschuk vor. Reist man von Rumänien nach Bulgarien, wird eine Gebühr fällig, deren Höhe laut Warnungen im weltweiten Netz dem Gestaltungsspielraum der jeweiligen Kassierer angepasst ist. Lange Zeit war besagte Brücke die einzige Möglichkeit, den über ca. 470 km langen bulgarisch-rumänischen Abschnitt der Donau zu überqueren. Erst 2013 wurde eine zweite Brücke eröffnet. Historisch gesehen ist Giurgiu mit einer weiteren Stadt auf besondere Weise verbunden. Am 04. Oktober 1883 brach am Pariser Bahnhof Gare de l'Est der legendär luxuriöse Orient-Express mittels vorgespannter Dampflok zur ersten offiziellen Einweihungsfahrt auf. Zu diesem Zeitpunkt führte die Bahnstrecke noch nicht durchgängig bis ins damalige Konstantinopel (heute: Istanbul), sondern endete in der Hafenstadt Giurgiu in Rumänien an der Donau. 
Etwa 70 km entfernt liegt die Kleinstadt Bolintin-Vale, schon recht nah an der Hauptstadt Bukarest (rumänisch: București). Auch hier ist der Blick in die Historie interessant. 1821 proklamierte dort der rumänische Revolutionär Tudor Vladimirescu den Kampf gegen die Vorherrschaft der Osmanen. In der jüngeren Geschichte ist weniger der Kampf gegen Unterdrückung, sondern das Gegenteil davon zu finden. 1991 flohen zahlreiche Roma aus der Nachbargemeinde Bolintin-Deal vor Ausschreitungen ethnischer Rumänen gegen die Roma-Minderheit nach Bolintin-Vale. Sie fanden jedoch nicht den erhofften Schutz. Am Zufluchtsort kam es ebenso zu Ausschreitungen mit der Zerstörung mehrerer Roma-Häuser. Dennoch ist Bolintin-Vale eine der Städte in Rumänien mit dem größten Roma-Anteil. Viele der dort ansässigen Roma zogen in jüngster Zeit nach Halle an der Saale in Deutschland um, wo mittlerweile etwa 1.500 rumänische Staatsbürger leben, deren Mehrheit Roma sind.

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