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Rumänien-Blog


Ein Fürstenhof und ein junges Theater: Piatra Neamț

Piatra Neamț (deutsch: Kreuzstein an der Bistritz) ist nicht die größte Stadt in der historischen Region Moldau, hat aber eine außergewöhnlich lange Geschichte. Bis in die Steinzeit reicht diese zurück. Im Mittelalter baute der legendäre Ștefan cel Mare dort seinen Fürstenhof, heute zeigt ein junges Theater innovative Stücke von gesellschaftlicher Relevanz.

Die deutsche Bezeichnung Piatra Neamțs lautet zwar Kreuzstein an der Bistritz, wörtlich übersetzt heißt die Stadt jedoch Deutschstein. Weshalb der Stein (rumänisch: piatra) den Zusatz deutsch (rumänisch: neamț) erhielt, ist nicht sicher geklärt. Vermutlich bezieht sich dieser auf die deutschen Siedler, die sich hier im Mittelalter niederließen. Der in der Nähe liegende Ort Târgu Neamț soll zu jener Zeit Zentrum einer deutschsprachigen Siedlerkolonie gewesen sein. Anzeichen einer ersten Ansiedlung auf dem heutigen Stadtgebiet führen wiederum bis in die Mittelsteinzeit, etwa 12.000 vor Christus. Archäologische Funde bei Poiana Cireșului (deutsch: Kirschen-Wiese) weisen darauf hin. Die Stadtgründung erfolgte Ende des 14. Jahrhunderts als Piatra lui Crăciun (wörtlich übersetzt: Stein von Weihnachten). Der noch heute berühmteste aller Fürsten des Fürstentums Moldau, Ștefan cel Mare, ließ einen Fürstenhof bauen, nach dessen Errichtung sich die Stadt zu einem bedeutenden Wirtschafts- und Kunstgewerbezentrum des Mittelalters entwickelte. Das architektonische Ensemble zählt heute zu den touristischen Anziehungspunkten im Zentrum. Zur fürstlichen Residenz gehörte die Casa Domnească (deutsch: das fürstliche Haus). Laut Legende bot es den Adligen über unterirdische Passagen die Option, den Ort im Geheimen zu verlassen. Nah am Herrenhaus befinden sich ein Glockenturm sowie eine Steinkirche. Neben zahlreichen historischen Gebäuden gibt es in Kreuzstein/Deutschstein auch Plattenbauten zu sehen, ganz Kreuzstein ist umringt von den üppigen Bergen der Ostkarpaten. Eine eigenwillige Postkartenschönheit. Zu den Wahrzeichen Piatra Neamțs gehört das Theater der Jugend (rumänisch: Teatrul Tineretului), das im Herbst dieses Jahres 60 Jahre alt wurde und weit über regionale Grenzen hinaus bekannt ist. Nicht wenige erfolgreiche rumänische Schauspielerinnen und Schauspieler debütierten auf dessen Bühne. Auch das hier verortete Theaterfestival, welches als das erste außerhalb der Hauptstadt gegründet wurde, feiert 2018 ein Jubiläum, es ist bereits das dreißigjährige. „Das Archiv der Staatsunsicherheit“ lautet das Festival-Thema in diesem Jahr, was bereits darauf hindeutet, dass das Teatrul Tineretului zu jenen Spielstätten gehört, die gesellschaftspolitisch relevante Fragestellungen auf die Bühne bringen. Regisseurin und Dramatikerin Gianina Cărbunariu übernahm die Leitung des Theaters 2017. Mit ihren ambitionierten Produktionen sorgt sie seit vielen Jahren auf europäischen Bühnen und internationalen Festivals für Aufsehen. In ihren Stücken geht es um Korruption, Migration und Globalisierung oder die Ausbeutungsmechanismen des europäischen Arbeitsmarkts. Der Dialog mit den Bewohnern der Stadt, vor allem mit den Jugendlichen, gehört zu ihren erklärten Zielen. Die meisten der Stücke im Teatru haben einen aktuellen Bezug zu Rumänien und zu Europa. Nach den Vorstellungen hat das Publikum häufig die Gelegenheit, Fragen zu stellen – und in echten Dialog zu treten.

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