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Rumänien-Blog


Die Industrie, ein Kuss, ein Stadion: in Craiova

Craiova (historisch auch: Krajowa) ist die größte Stadt Olteniens (rumänisch: Oltenia), weshalb sie noch heute als dessen Hauptstadt betrachtet wird. Bis zur Vereinigung der Fürstentümer Walachei und Moldau war sie – neben Bukarest – ganz offiziell die zweite Kapitale der Walachei. Die Stadt gehört nicht unbedingt zu den touristischen Hotspots Rumäniens, dennoch gibt es interessante Entdeckungen zu machen.

Craiova liegt im Westen der Walachischen Tiefebene, am Ufer des Flusses Jiu (deutsch: Schil). Wie zahlreiche andere Orte Rumäniens war die Stadt im Südwesten des Landes ursprünglich von Dakern besiedelt. Pelendava hieß die dakische Siedlung, die dort von etwa 400 bis 350 vor Christus existierte. Dann kamen die Römer, die ausgegrabenen Reste eines Kastells zeugen davon. Unter ihrem jetzigen Namen wird die Stadt zur Zeit des walachischen Fürsten Wladislaw II Mitte des 15. Jahrhunderts erstmals erwähnt. Craiova soll aus dem Slawischen kommen und in etwa Königsstadt bedeuten. Später hatten dort etliche Bans und Bojaren, beides Herrschertitel, ihren Wohnsitz. So ist heute das Haus der Bane (rumänisch: Casa Băniei) als ältester Profanbau der Stadt erhalten. Natürlich gehörte auch Craiova im Lauf der Historie mal zu Österreich, mal zum Osmanischen Reich. 1831 war Schluss mit dem Banat von Craiova, 1858 vereinigten sich die Fürstentümer Walachei und Moldau. Craiova verlor besagte Funktion als traditionelle zweite Hauptstadt der Walachei, ein bedeutendes Handelszentrum war sie nach wie vor. Mitte des 20. Jahrhunderts begann die Industrialisierung. Lokomotiven wurden und werden noch gebaut – früher von Elektroputere, heute von Softtronic. Ford Romania fertigt EcoBoost-Motoren sowie verschiedene Ford-Modelle wie den brandaktuellen Ford Puma. Als Antipode zur massiven Industrialisierung könnte man die Sanierung des historischen Zentrums im Jahr 2014 sehen. Dort finden sich etliche restaurierte Museen und natürlich eine nicht geringe Anzahl von Kirchen. Besonderes ästhetisches Vergnügen bereiten das Hotel Minerva, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem wilden Stilmix aus Neogotik und Art nouveau erbaut wurde, und das Kunstmuseum Paul Gottéreaus. Der Architekt konzipierte seinen Bau als Festhaus für das Volk und Kunstpalast für den kleinen Mann, Geld spielte keine Rolle. Außen verspielter Palast, innen ein illustres Zusammenspiel von venezianischen Spiegeln, Leuchtern aus Murano-Glas, Treppen aus Carrara-Marmor und Wänden aus Lyoner Seide. Zu den ausgestellten Kunstwerken gehört ein Klassiker der Avantgarde des 20. Jahrhunderts – die berühmte Skulptur Der Kuss des weltberühmten rumänischen Bildhauers Constantin Brâncuși, der in Oltenien geboren wurde. Sein Skulpturenensemble in Târgu Jiu war Thema des Blogbeitrags im Januar dieses Jahres. Brâncușis Werke wiederum führen zum Stadionul Ion Oblemenco, dem erst 2017 eröffneten Fußballstadion der Stadt. Die Architekten des futuristischen Sportkomplexes Complexul Sportiv Ion Oblemenco wurden von den ovalen Formen, welche bezeichnend sind für Brâncușis Werke, wie das Brâncuși-Ei, inspiriert. So bezeichnete die internationale Presse deren ersten Vorschlag als egg-stadium. Letztendlich mussten die Architekten jedoch aus Kostengründen Abstriche bezüglich Design und Kapazität machen und ihren Entwurf vereinfachen. Constantin Brâncușis Formensprache bleibt dennoch erfahrbar.

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