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Rumänien-Blog


Der Westen des Ostens: die Region Moldau

Im Osten Rumäniens und über dessen Staatsgrenze hinweg begegnet man der Bezeichnung Moldau mehrfach. Sowohl die Region innerhalb der rumänischen Grenzlinie als auch die Republik östlich dieser tragen den Namen des ehemaligen Fürstentums, sowohl Rumänien als auch die benachbarte Republik Moldau sehen sich als Nachfolgestaat besagten Fürstentums Moldau. Ein gleichnamiger Fluss durchfließt die Gegend und ist wiederum Namensvetter eines fließenden Gewässers in Tschechien.

Um die mehrfachen Moldaus unterscheiden und zuordnen zu können, ist ein Blick in die Geschichte der Region erhellend. Das Fürstentum Moldau (rumänisch: Principatul Moldovei) war ein Staat in Südosteuropa, der Mitte des 14. Jahrhunderts zunächst als Vasallenstaat des Königreichs Ungarn gegründet wurde. Als solcher war das Fürstentum theoretisch unabhängig, praktisch und politisch jedoch vom Königreich dominiert. Vasallenstaaten werden synonym als Satellitenstaaten bezeichnet, unentrinnbar im Gravitationsfeld des bestimmenden Planeten alias Staates unterwegs. Zwar erlangte das Fürstentum zeitnah die Unabhängigkeit von Ungarn, geriet dafür aber für nicht weniger als 100 Jahre unter das Supremat Polens – und blieb damit ein Satellit. Danach gelang es dem moldauischen Herrscher Stephan dem Großen (rumänisch: Ștefan III. cel Mare), der von 1457 bis 1503 regierte, sich gegen die territorialen Begehrlichkeiten der Ungarn, Polen und Osmanen zur Wehr zu setzen. Für jeden seiner militärischen Siege versprach er den Bau eines Moldauklosters, welche heute in der Bukowina als Teil des Weltkulturerbes der UNESCO zu bewundern sind. Ștefan cel Mare ist in der Erinnerungskultur der moldauischen Bevölkerung eine zentrale Figur und wurde von verschiedenen Protagonisten immer wieder als Symbolfigur für deren jeweilige Identitätspolitik eingesetzt. Heute wird er sowohl in Rumänien als auch in der Republik Moldau als Nationalheld verehrt. Im rumänischen Fernsehen wurde er in der Sendung Mari Români zum größten Rumänen aller Zeiten gewählt, anlässlich seines 500. Todestages fanden 2004 ausführliche Feierlichkeiten statt. Ștefan cel Mare assoziierte man mit der Blütezeit des Fürstentums und glorifizierte ihn als siegreichen Kämpfer gegen die Türken. In späteren Jahrhunderten galt er als die Symbolfigur für den Kampf gegen Fremdherrschaften aller Art und wurde so in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Ikone der Propagierung der rumänischen Nationalstaatsidee. Nach Stephans des Großen großer Zeit, in welcher er das Fürstentum für ein relativ kurzes Zeitintervall tatsächlich souverän regieren konnte, behielt dieses im 16. Jahrhundert zwar seine innere Autonomie, wurde jedoch zur Vasallentreue gegenüber der Hohen Pforte verpflichtet. Letztere war ein Metonym für den Sitz der osmanischen Regierung und meinte damit diese selbst. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigten sich nach Ungarn, Polen und dem Osmanischen Reich nun Österreich und Russland interessiert am Fürstentum. Der später von Russland beherrschte Teil erhielt die Bezeichnung Bessarabien. Heute gehören etwa zwei Drittel davon zur Republik Moldau (Republica Moldova). 1859 wurde das Restgebiet des Fürstentums Moldau, heute ungefähr die rumänischen Region Moldau (rumänisch: Moldova), mit dem damaligen Fürstentum Walachei zum Fürstentum Rumänien vereinigt.

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