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Rumänien-Blog


Kosmopolitische Vielfalt und Deportationen: Ethnien in der Maramureș

Entlang der Theiß (rumänisch: Tisa) verläuft die Grenze zwischen der Maramuresch und der Ukraine. Die Region liegt an der Linie zwischen der Europäischen Union und Osteuropa, geografisch exakt im Mittelpunkt Europas und wirtschaftlich am Rand. Zugleich ist es eine außergewöhnlich kosmopolitische Region: Das Gebiet ist von einer ethnischen Vielfalt mit langer Geschichte geprägt, welche dort auch heute noch selbstverständlich ist.

Rumänen, Ungarn, Ruthenen, Zipser, Juden und Roma bevölkerten die historische Region über Jahrhunderte. Ruthenen sind Ukrainer und Russinen, nicht zu verwechseln mit Russinnen, welche heute hauptsächlich in der im Norden angrenzenden Karpatenukraine leben, und auch in der Maramuresch. Das abgelegene Bergdorf Obcina beispielsweise ist eine ruthenische Siedlung, in der intern ein ukrainischer Dialekt gesprochen wird, extern jedoch rumänisch. So werden die hoch oben lebenden Rumänen von den tiefer lebenden Rumänen als Russen oder Ukrainer bezeichnet. Die Zipser (rumänisch: țipțeri) wiederum sind eine deutschsprachige Bevölkerungsgruppe im Kreis Maramureș. Die Bezeichnung stammt von Einwanderern aus der Zips, die damals zu Ungarn, danach zur Slowakei gehörte. Später kamen Zuwanderer aus Süddeutschland und Oberösterreich dazu. In Vișeu de Sus (deutsch: Oberwischau), der Stadt mit der touristenfreundlichen Wassertalbahn, gab es eine besonders große Zipser-Gemeinde. Die meisten wanderten Ende des 18. Jahrhunderts ein und wohnten dort lange Zeit in einem eigenen Stadtteil, der Zipserei.

Von den Juden, die in der Maramuresch lebten, sind heute nur noch wenige Spuren zu sehen, einige davon in Sighetu Marmației (inoffiziell: Sighet, deutsch: Marmaroschsiget), der zweitgrößten Stadt des heutigen Kreises. Das einstige Zentrum der historischen Region liegt im Theiß-Tal, direkt an der Grenze zur Ukraine. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt gemäß Vertrag von Trianon zu Rumänien, nach 1940 jedoch wieder zu Ungarn. Bis zum Jahr 1944 deportierte die ungarische Besatzungsregierung über 20.000 Juden von Sighet nach Auschwitz und in andere Konzentrationslager. Auch der in Sighetu Marmației geborene Schriftsteller, Hochschullehrer und Publizist Elie Wiesel war unter den Deportierten. Er überlebte Auschwitz und Buchenwald, aus dem er am 11. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Auf einer „berühmten“ Fotografie, die fünf Tage nach der Befreiung gemacht wurde, ist er zu sehen. 1963 siedelte Wiesel in die USA über. Er schrieb über den Holocaust und wurde 1986 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. In Rumänien begann man erst 2003 offiziell mit der Aufarbeitung der Judenverfolgung. Der damalige Präsident Ion Iliescu berief die Internationale Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien unter der Leitung Wiesels ein. 2004 bestätigte die Kommission die spezifische Form der rumänischen Judenvernichtung. Das Elie-Wiesel-Institut wurde gegründet, der 9. Oktober zum nationalen Holocaust-Gedenktag (rumänisch: Ziua Naţională de Comemorare a Holocaustului) erklärt.

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